Eisklassen von Schiffen

Expeditionsfahrt ins Eis

 Was besagt die Eisklasse des Kreuzfahrtschiffes?

   
    

Dort, wo andere Kreuzfahrtschiffe umdrehen müssen, beginnt die wahre Schönheit von Arktis und Antarktis. Nur speziell verstärkte Schiffe dringen noch in diese abgelegenen Eiswelten vor. 

Passagiere, welche von einer Polarexpedition inklusive einer Fahrt durchs Packeis träumen, lassen ihren Wunsch an Bord besonders seetüchtiger Expeditionskreuzfahrtschiffe wahr werden. Je höher die Eisklasse, desto schwierigere Passagen können auf der Expeditionskreuzfahrt bewältigt werden. 


Manche Reedereien werben damit, dass ihre Expeditionsschiffe über die höchste Eisklasse verfügen. Leider erwähnen sie nicht, von welcher Eisklasse die Rede ist. Es existieren nämlich mehrere zum Teil sehr unterschiedliche Eisklassen nebeneinander.

Selbst wenn ein Kreuzfahrtschiff die “höchste” Eisklasse hat, besagt das nicht, dass es das Schiff mit einem Eisbrecher aufnehmen könnte. Auch diese Expeditionsschiffe benötigen von Zeit zu Zeit die Unterstützung von Eisbrechern; und selbst die modernsten Eisbrecher der höchsten Polarklasse treffen manchmal auf Eisbedingungen, die in der Lage sind ihren Schiffsrumpf zu beschädigen.

Um die Situation vor Ort richtig einzuschätzen, braucht es viele Jahre Erfahrung im Eis. Deswegen entscheidet letzten Endes immer der Kapitän, ob eine Passage durchfahren werden kann.


Hintergründe der Eisklassen


Traditionell wurden die Eisklassen von Küstenstaaten entwickelt, deren Wasserstraßen im Winter vereist sind. Internationale Verträge schlossen diese Länder nicht ab, aber sie fordern von den Schiffen, welche ihre Küstengewässer befahren wollen, eine Eisverstärkung. Ob das Schiff den Anforderungen der nationalen Behörden entspricht und das jeweilige Seegebiet befahren darf, wird durch die Eisklasse des Schiffes nachgewiesen. Eisklassen geben Auskunft darüber, für welche Eisbedingungen das Schiff ausgelegt ist. Ihre Vergabe erfolgt nicht nur auf Basis der baulichen Eigenschaften des Schiffskörpers, sondern auch in Abhängigkeit von der Leistung der Hauptmaschine. 


Generell werden die Eisklassen in zwei Gruppen unterteilt. Es gibt Regeln für polare Gewässer und Regeln für subpolare Gewässer, das heißt, es wird zwischen einjährigem und mehrjährigem Eis unterschieden. Während junges Eis nicht sehr fest ist und nur auf ungefähr 120 Zentimeter Dicke anwächst, erreicht älteres Eis drei Meter und mehr. Älteres Eis ist darüber hinaus viel fester als junges Eis, da sich zunehmend Salze und Mineralien einlagern. Ein Schiff, das für den Betrieb in mehrjährigem Eis ausgelegt ist, unterscheidet sich also wesentlich von einem Schiff der einfachen Eisklasse. Diese Eigenschaften spiegeln sich auch in den verschiedenen nationalen Eisklassenregelungen wider. 


Jeder Küstenstaat legt eigene Regeln für seine Gewässer fest. Aus diesem Grunde gibt es eine Vielzahl regionaler Eisklassen: kanadische Regeln, russische Regeln, finnisch-schwedische Regeln, usw. Es entstanden mittlerweile sieben verschiedene Standards für die Seeschifffahrt in Polargebieten, welche parallel nebeneinander existieren. Die Anzahl und die Einteilung der Eisklassen unterscheiden sich von Staat zu Staat und ein Vergleich ist oft schwierig, da die Regeln teilweise unterschiedliche technische Aspekte betonen.  


Für die Vergabe der Eisklasse sind Klassifikationsgesellschaften verantwortlich, eine Art „TÜV“ für Schiffe, welcher technische Anforderungen festlegt. Diese Gutachter sind in dem internationalen Dachverband IACS zusammengeschlossen. Jede Klassifikationsgesellschaft darf ihre eigenen Regeln und Standards entwickeln. Um die große Vielfalt der verschiedenen Eisklassen zu harmonisieren, entwickelte der Dachverband die Polarklassen, welche für Schiffe ab Baujahr 2007 gelten. Seitdem ist die Einstufung der Schiffe einfacher geworden. Parallel zu den neuen IACS Polarklassen behalten die alten Eisklassenregeln der verschiedenen Klassifikationsgesellschaften noch ihre Gültigkeit.


Im Jahr 2017 trat zudem der Polar Code der Internationalen Seeschifffahrts-Organisation IMO in Kraft. Die IMO ist eine Sonderorganisation der UN, welcher 173 Staaten angehören. Nach sechsjährigen Verhandlungen einigten sich die Mitgliedsstaaten auf den Code. Dieser gilt als Meilenstein, da zum ersten Mal für Schiffe, die in der Arktis oder der Antarktis fahren, international verbindliche Mindestanforderungen für Schiff, Ausrüstung und Besatzung gelten. Der Polar Code sollte nicht mit den Polarklassen der Klassifikationsgesellschaften verwechselt werden. 


Einige nationale Eisklassen


Finnisch-Schwedische Eisklassen (FSICR)


Im Winter schränken die finnisch-schwedischen Schifffahrtsbehörden die Schifffahrt in ihren nationalen Gewässern ein. Normalerweise findet der Schiffsverkehr nur mit der Unterstützung von Eisbrechern statt. Eisbrecher werden aber nur solchen Schiffen gestellt, die den Anforderungen der „Finnish-Swedish Ice Class Rules“ (FSICR) entsprechen. 


Obwohl man diese Eisklassevorschriften für die Ostsee und den Bottnischen Meerbusen entwickelte, werden sie heute allgemein für Schiffe angewendet, die in subpolaren Gebieten mit einjährigem Eis fahren (zum Beispiel auch für St. Lawrence oder den südlichen Teil von Sachalin). 


Die FSICR sind inzwischen der Industriestandard für leichtere Eisklassen außerhalb der polaren Gewässer. Sämtliche internationale Klassifikationsgesellschaften von den USA über China bis Deutschland haben die finnisch-schwedischen Eisklassenvorschriften in ihre eigenen Regelwerke übernommen und bieten Eisklassen-Notationen an, die von den finnischen und schwedischen Behörden anerkannt sind. Auch Werften, Reedereien und maritime Behörden orientieren sich weltweit an diesen Regeln, wenn es um die besondere Ausstattung von Seeschiffen für den Einsatz in subpolaren Gewässern geht. 


Schiffe, die hingegen für den Dauerbetrieb in mehrjährigem Eis ausgelegt sind, übertreffen in ihrer Seetüchtigkeit die Anforderungen der finnisch-schwedischen Eisklassenregeln. Für die Einstufung solcher Schiffe ziehen die Klassifikationsgesellschaften dann die IACS Polarklassen heran. 


Eisklassen in Russland


Das russische Schifffahrtsregister RMRS hat eine lange Tradition bei der Klassifizierung von Eisbrechern und eisverstärkten Schiffen. Zwei Drittel der klassifizierten Schiffe sind eisverstärkt, 300 davon sind für den Einsatz in der Arktis zugelassen. 


Nach einer gründlichen Überarbeitung der Regeln unterhält das russische Register seit dem Jahr 2017 drei Klassen: 


  • Ice1 bis Ice3 für nicht-arktische Schiffe 
  • Arc4 bis Arc9 für arktische Schiffe 
  • Icebreaker6 bis Icebreaker9 für Eisbrecher 


Diese Eisklassen können parallel zur finnisch-schwedischen Eisklasse vergeben werden.

Außerdem behält das russische Seeverkehrsregister seine eigenen Eisklassenregeln parallel zu den Regeln der IACS-Polarklasse bei.


Eisklassen der USA


Das American Bureau of Shipping (ABS) hat ein ähnliches System von Eisklassen wie die anderen großen Klassifikationsgesellschaften.


In den Regeln sind die neusten Anforderungen der IACS Polarklassen sowie der Finnisch-Schwedischen Eisklassenvorschriften enthalten. Die IACS Polarklassen ersetzen die bisherigen ABS-Eisklassen A5 bis A1. A5 ist die stärkste US-amerikanische Klasse und bezeichnet Eisbrecher, die uneingeschränkt in der extremen Arktis agieren können. 


Dort, wo der ABS Code über die Anforderungen der IACS hinausgeht, wurden die ABS-Regeln für eine optionale erweiterte Notation beibehalten. Für die Navigation in einjährigem Eis gibt es zudem die ABS Klassen A0 bis E0.


Deutsche Eisklassen


Die deutschen Klassen E1 bis E4 wurden von der deutschen Klassifikationsgesellschaft Germanischer Lloyd (GL) vergeben. E4, die höchste deutsche Eisklasse, entspricht in etwa der höchsten finnisch-schwedischen Eisklasse „1A Super“ und gilt für einjähriges Eis bis einem Meter Dicke. ARC1 bis ARC4 sind arktische Eisklassen für Frachtschiffe und Eisbrecher nach den bis 2007 gültigen Bauvorschriften des GL.


Im Jahr 2013 fusionierte der GL mit seinem norwegischen Konkurrenten Det Norske Veritas zur DNV GL Group. Der DNV GL vergibt keine deutschen Eisklassebezeichnungen mehr, sondern erteilt entweder eine IACS Polarklasse oder eine der Baltischen Eisklassen von ICE-1A* bis ICE-1C.


Der Polar Code der IMO


Seit dem 1. Januar 2017 gilt der Polar Code der IMO und trägt dem steigenden Schifffahrtsaufkommen in der abschmelzenden Arktis Rechnung. 


Expeditionsschiffe, die regelmäßig in polaren Gewässern segeln, erfüllen die Auflagen des Codes bereits zum großen Teil. Es sind die Neuzugänge in der Arktis und Antarktis, für die diese Anweisungen hauptsächlich geschrieben wurden. 


Der Code gilt in der Antarktis ab 60 Grad südlicher Breite und in der Arktis jenseits 60 Grad nördlicher Breite, ausgenommen in Island, Nord-Norwegen und in einigen Küstenabschnitten Russlands. Schiffe, die in diesen Gewässern operieren wollen, müssen ein Polar Ship Certificate beantragen, welches das Schiff als Kategorie A, B oder C klassifiziert. 


Schiffe der Kategorie A sind mindestens für den Betrieb in Polarregionen mit mittlerem einjährigen Eis (70 – 120cm) ausgelegt, welches auch alte Eiseinschlüsse enthalten kann. Die Klasse A umfasst also Schiffe, die eine der Polarklassen PC1 bis PC5 des IACS-Dachverbandes haben. 


Zur Kategorie B zählen Schiffe für Polarregionen mit dünnem oder mittlerem einjährigen Eis, in welchem auch mehrjähriges Eis eingeschlossen sein kann. Die Kategorie ist mit den schwächsten Polarklassen der IACS, den Klassen PC6 und PC7 vergleichbar. 


Kategorie C bezeichnet Schiffe, die Polarregionen mit weniger als 1/10 Eisbedeckung befahren können. Sie korrespondiert mit den finnisch-schwedischen Eisklassen für das Baltikum bzw. den deutschen Eisklassen E bis E4 und kann auch Schiffen zugeteilt werden, die keine Eisverstärkung haben. 


Schiffe der Kategorie C dürften sich also in eisfreien Polarregionen aufhalten, ohne die strengeren Anforderungen für eisgehende Schiffe zu erfüllen. 


IACS Polarklassen


Klassifikationsgesellschaften sind Gutachter, die den Zustand von Schiffen kontrollieren und mit einer „Klasse“ bewerten. Außerdem erstellen sie technische Richtlinien für den Schiffbau. Unter den vielen verschiedenen nationalen Klassifikationsgesellschaften genießen nur zwölf Gesellschaften internationale Anerkennung. Diese sind im IACS (International Association of Classification Societies) organisiert. Der IACS ist der Dachverband der Klassifikationsgesellschaften und hat Beraterstatus bei der IMO. Weltweit werden über 90 % der Frachtschiffe von Mitgliedern des IACS zertifiziert. 


Der Dachverband entwickelte vereinheitlichte Klassen für Schiffe und Eisbrecher, die dauerhaft in arktischen Gewässern operieren – die Polarklassen PC 1 bis PC 7. Diese Polarklassen sollten nicht mit den finnisch-schwedischen Eisklassen für einjähriges Eis im Baltikum verwechselt werden. Die Polarklassen gehen in ihren Forderungen über die Vorschriften der finnisch-schwedischen Eisklassen hinaus und sind eher mit den russischen Eisbrecherklassen zu vergleichen. Die Polarklassen des IACS flossen in den Polar Code der IMO ein.


Quellen:

https://www.dnvgl.com/maritime/polar/services.html

www.iacs.org.uk/download/1803

http://www.imo.org/en/MediaCentre/HotTopics/polar/Documents/POLAR%20CODE%20TEXT%20AS%20ADOPTED.pdf

https://www.trafi.fi/en/maritime/regulations/national_regulations

http://rs-class.org/en/ (russisches Register)

https://ww2.eagle.org/content/dam/eagle/rules-and-guides/current/conventional_ocean_service/2_steel_vessel_rules_2018/SVR_Part_6_e-Jan18.pdf (US-amerikanisches Register)




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